Leben Mohammeds

Das Leben Mohammeds, des arabischen Propheten

deutsche Übersetzung des englischen Buches "Mahomet and His Successors"

von

Washington Irving

Inhaltsverzeichnis

Vierzehntes Capitel - Die Moslemen in Medina, Mohadscheren und Ansaren – Die Partei Abdallah Ibn Obba's und die Heuchler – Mohammed baut eine Moschee, predigt, gewinnt Anhänger unter den Christen – Die Juden zögern zu glauben – Verbrüderung zwischen den Flüchtlingen und Verbündeten

In Medina befand sich Mohammed bald an der Spitze einer zahlreichen und mächtigen Partei; sie bildete sich theils aus denjenigen seiner Anhänger, welche aus Mekka geflohen waren und davon Mohadscheren oder Flüchtlinge genannt wurden, theils aus Einwohnern des Platzes, welche bei der Annahme des Glaubens den Namen Ansaren oder Hülfsvölker erhielten. Die Meisten von den Letzteren gehörten zu den mächtigen Stämmen der Awsiten und Khazraditen, welche, obgleich von zwei Brüdern Al Aws und Al Khazraj stammend, Medina ein hundert und zwanzig Jahre durch eingewurzelte und tödtliche Fehden in Verwirrung gesetzt, aber jetzt durch die Bande des Glaubens sich vereinigt hatten. Mit denen von diesen Stämmen, welche seine Lehren unmittelbar nicht annahmen, schloß er einen Vertrag.

Die Khazraditen standen in vielfacher Hinsicht unter der Herrschaft eines Fürsten oder Häuptlings, Namens Abdallah Ibn Obba; dieser soll auf dem Puncte gewesen sein, als König ausgerufen zu werden, als die Ankunft Mohammeds und die durch seine Lehren verursachte Aufregung dem Volksgefühle eine neue Richtung gab. Abdallah war stattlich von Person, hatte ein würdevolles Aeußere und eine gewandte und beredte Zunge; er trug große Freundschaft gegen Mohammed zur Schau und pflegte mit mehreren Genossen seines Sinnes und Charakters die Versammlungen der Moslemen zu besuchen. Durch ihre persönliche Erscheinung, ihre billigenswerthen Aeußerungen und ihre augenscheinliche Ehrerbietung wurde Mohammed anfänglich bestochen; aber endlich fand er, daß Abdallah auf seine Volksbeliebtheit eifersüchtig war und geheimen Groll gegen ihn nährte, und daß die Genossen desselben in der bewiesenen Freundschaft gleicher Weise unredlich waren. Daher belegte er sie mit dem Namen »der Heuchler«. Abdallah Ibn Obba blieb lange sein politischer Nebenbuhler in Medina.

Da Mohammed jetzt öffentlich seinen Glauben ausüben und seine Lehren verkündigen konnte, so verschritt er zur Errichtung einer Moschee. Der dazu ausgewählte Platz war ein von Dattelbäumen beschatteter Todtenacker oder Begräbnißort. Bei der Wahl desselben soll er durch einen Umstand, welchen er für ein günstiges Anzeichen hielt, geleitet worden sein; sein Kameel wäre nämlich dem Platze gegenüber niedergekniet, als er den öffentlichen Einzug in die Stadt hielt. Die Todten wurden weggeschafft und die Bäume niedergeschnitten, um für das beabsichtigte Gebäude Raum zu machen. Es war in Form und Bauart einfach und den knappen und unsichern Mitteln der Andächtigen angemessen. Die Wände bestanden aus Erde und Backsteinen; die Stämme der frisch gefällten Palmbäume dienten zu Säulen, um das Dach zu tragen, welches von ihren Aesten eingefaßt und von ihren Blättern bedeckt wurde. Es hielt ungefähr hundert Ellen im Geviert und hatte drei Thore, eins im Süden, wo nachher das Kebla eingerichtet wurde, das zweite hieß das Thor Gabriels und das dritte das Thor der Barmherzigkeit. Ein Theil dieses Gebäudes, Soffat genannt, wurde solchen Gläubigen, welche kein Heimwesen hatten, zur Wohnung angewiesen.

Mohammed half mit eigenen Händen bei der Erbauung dieser Moschee. Trotz alles seines Vorherwissens dachte er wenig daran, daß er sein eigenes Grab und Denkmal baute; in diesem Gebäude sind nämlich seine Ueberreste beigesetzt. In späteren Zeiten wurde es wiederholt vergrößert und verschönert; aber es trägt noch den Namen »Moschee des Propheten«, weil es durch seine Hände gegründet worden ist. Einige Zeit war er in Ungewißheit, auf welche Weise er seine Anhänger zu den Andachtsübungen berufen sollte, ob durch den Posaunenschall wie bei den Juden, oder durch Leuchtfeuer auf hohen Puncten, oder durch Paukenschlag. In dieser Verlegenheit wurde ihm eine Ausrufungsformel von Abdallah, dem Sohne Zeids, an die Hand gegeben, und dieser erklärte, daß sie ihm in einer Vision geoffenbart worden wäre. Sie wurde augenblicklich von Mohammed angenommen und sie wird als der Ursprung der folgenden Ladung genannt, welche durchs Morgenland von den hohen Minarets bis auf den heutigen Tag gehört wird, wenn man die Moslemen zum Orte der Anbetung ruft, nämlich: »Gott ist groß! Gott ist groß! Es ist kein Gott außer Gott. Mohammed ist der Apostel Gottes. Kommt zum Gebete! kommt zum Gebete! Gott ist groß! Gott ist groß! Es ist kein Gott außer Gott.« Dazu wird bei Tagesanbruch die Ermahnung gefügt: »Beten ist besser als Schlafen! Beten ist besser als Schlafen!«

Anfänglich wurde in dieser bescheidenen Moschee Alles mit großer Einfachheit ausgeführt. Des Nachts wurde sie durch Späne von Dattelholz erleuchtet, und es verging einige Zeit, bevor Lampen und Oel eingeführt wurden. Der Prophet stand auf dem Boden und predigte, indem er sich mit dem Rücken an den Stamm eines der Dattelbäume lehnte, welche als Säulen dienten. Später hatte er eine Kanzel oder Tribüne errichtet, welche er vermittelst dreier Stufen bestieg, um über die Versammlung erhöht zu sein. Eine Sage behauptet, daß, als er diese Kanzel zum ersten Male bestieg, der verlassene Dattelbaum einen Seufzer von sich gab, worauf er ihm wie zum Troste die Wahl ließ, entweder in einen Garten verpflanzt zu werden, um wieder zu blühen, oder ins Paradies zu gelangen, um daselbst in dem andern Leben für die Gläubigen Früchte zu tragen. Der Dattelbaum wählte weislich das Letztere und wurde demzufolge unter die Kanzel begraben, um daselbst die wonnereiche Auferstehung zu erwarten.

Mohammed predigte und betete auf der Kanzel bald sitzend, bald stehend und auf einen Stab sich stützend. Seine Verhaltungsregeln waren noch ganz friedlich und liebevoll, indem sie Unterwerfung unter Gott und Leutseligkeit gegen die Menschen einprägten. Eine Zeit lang scheint er der Menschenfreundlichkeit des christlichen Glaubens nachgeeifert zu haben. »Gegen denjenigen, welcher gegen Gottes Geschöpfe und gegen seine eigenen Kinder nicht liebreich ist«, pflegte er zu sagen, »wird Gott auch nicht liebreich sein. Jeder Moslem, welcher den Nackenden seines Glaubens kleidet, wird von Allah in die grünen Paradiesgewänder gekleidet werden.«

In einem der von seinen Schülern überlieferten Vorträge findet sich folgendes Gleichniß über die Nächstenliebe: »Als Gott die Erde schuf, wankte und bebte sie, bis er, um sie zu befestigen, Berge auf sie setzte. Hierauf fragten ihn die Engel: O Gott, giebt es irgend etwas Stärkeres in deiner Schöpfung als diese Berge? Und Gott antwortete; Eisen ist stärker als die Berge, denn es zerbricht sie. Und giebt es irgend etwas Stärkeres in deiner Schöpfung als Eisen? Ja, Feuer ist stärker als Eisen, denn es schmelzt dieselben. Giebt es in deiner Schöpfung irgend etwas Stärkeres als Feuer? Ja, Wasser, denn es löscht dasselbe. O Herr, giebt es in deiner Schöpfung irgend etwas Stärkeres als Wasser? Ja, Wind, denn er überwältigt das Wasser und setzt es in Bewegung. O, unser Erhalter! giebt es in deiner Schöpfung etwas Stärkeres als Wind? Ja, ein gütiger Mann, welcher Almosen austheilt; wenn er mit der Rechten giebt und es vor der Linken verbirgt, so übertrifft er Alles.«

Seine Erklärung der Menschenliebe umfaßt den weiten Kreis des Wohlwollens. »Jede gute Handlung«, pflegte er zu sagen, »ist Menschenliebe. Das Lächeln in deines Bruders Angesicht ist Menschenliebe; die Ermahnung des Nächsten zu tugendhaften Handlungen ist gleich dem Almosengeben; die Führung des Wanderers auf den rechten Weg ist Menschenliebe; die Beseitigung der Steine und Dornen auf der Straße ist Menschenliebe; die Darreichung des Wassers an den Durstigen ist Menschenliebe. Eines Menschen wahre Glückseligkeit in der Zukunft ist das Gute, das er in dieser Welt dem Nächsten erweist. Wenn er stirbt, werden die Leute sagen: Was hat er hinterlassen? Aber die Engel, welche ihn im Grabe prüfen, werden fragen: Welche gute Thaten hast du dir vorangeschickt?«

»O Prophet!« sagte einer von seinen Schülern, »meine Mutter Omm-Sad, ist gestorben; was ist die beste Gabe, welche ich für das Heil ihrer Seele darreichen kann?« »Wasser!« erwiderte Mohammed, indem er sich an die brennende Hitze der Wüste erinnerte. »Grabe für sie einen Brunnen und gieb Wasser dem Durstigen.« Der Mann grub in seiner Mutter Namen einen Brunnen und sagte: »Dieser Brunnen ist für meine Mutter, daß de Vergeltung dafür ihre Seele erreichen mag.«

Die Liebe im Reden, diese überaus wichtige und am wenigsten geübte Liebeserweisung, wurde gleicher Weise eindringlich von Mohammed eingeschärft. Als Abu Jaraiya, ein Bewohner Basrah's, nach Medina kam und von dem apostolischen Amte Mohammeds überzeugt wurde; so bat er ihn um eine Hauptregel für sein Verhalten. »Sprich von Niemandem Böses«, antwortete der Prophet. »Seit dieser Zeit«, sagte Abu Jaraiya, »schmähte ich niemals Jemanden, mochte er ein Freier oder ein Sclave sein.«

Die Verhaltungsregeln des Islamismus erstreckten sich auch auf die Höflichkeiten im Leben. Sage einen Salam (oder Gruß) einem Hause, wenn du es betrittst und verlässest. Erwidere den Gruß von Freunden und Bekannten und Reisenden auf der Straße. Wer reitet, muß zuerst den grüßen, welcher geht; wer geht, zuerst den, welcher sitzt; eine kleinere Anzahl eine größere, und der Junge den Alten.

Bei der Ankunft Mohammeds in Medina ließen sich einige der Christen in der Stadt unter seine Anhänger unverzüglich einschreiben; sie gehörten jedenfalls zu den Sectirern, welche an der menschlichen Natur Christi festhielten und in dem Islamismus, welcher Christum als den größten unter den Propheten verehrte, nichts Widerstreitendes fanden. Die übrigen Christen, welche sich dort aufhielten, zeigten nur wenig Feindseligkeit gegen den neuen Glauben, indem sie denselben für weit besser hielten als die alte Abgötterei. Die Spaltungen und heftigen Streitigkeiten unter den Christen des Morgenlandes hatten ihre Rechtgläubigkeit verdorben, ihren Eifer geschwächt und sie geneigt gemacht, durch neue Lehren sich irre führen zu lassen.

Die Juden, von denen reiche und mächtige Familien in Medina und der Nachbarschaft lebten, zeigten eine weniger günstige Stimmung. Mit einigen von ihnen schloß Mohammed Friedensverträge und hoffte zuversichtlich, sie mit der Zeit dafür zu gewinnen, daß sie ihn als ihren Messias oder Propheten annehmen würden. Durch solche Aussichten, vielleicht ohne klares Bewußtsein, geleitet, hatte er manche seiner Lehren nach den Glaubenssätzen ihrer Religion geformt und gewisse Fastenzeiten und Anordnungen derselben beibehalten. Denen, welche zum Islam übertraten, gestattete er, bei der Beobachtung ihres Sabbaths und einiger mosaischen Gesetze und Gebräuche zu bleiben. Es war Sitte der verschiedenen Religionen im Morgenlande, daß jede ein Kebla oder einen heiligen Punct hatte, nach welchem man beim Acte der Anbetung das Gesicht wenden mußte; die Sabäer wendeten sich gegen den Polarstern, die persischen Feueranbeter gegen Osten als die Gegend des Sonnenaufgangs, die Juden gegen ihre heilige Stadt Jerusalem. Bis jetzt hatte Mohammed Nichts der Art vorgeschrieben; aber nun machte er aus Nachgiebigkeit gegen die Juden Jerusalem zum Kebla, wohin alle Moslemen die Gesichter wenden mußten, wenn sie beteten.

Während unter den Bewohnern Medinas täglich neue Bekenner gewonnen wurden, begannen unter den mekkanischen Flüchtlingen Krankheit und Mißvergnügen die Oberhand zu erhalten. Sie waren nicht an das Klima gewöhnt; viele litten an Fiebern, und in der Krankheit und Schwachheit sehnten sie sich nach der Heimath, aus der sie verbannt waren.

Um ihnen eine neue Heimath zu geben und sie mit ihren neuen Freunden und Verbündeten eng zu vereinigen, errichtete Mohammed zwischen vier und fünfzig von ihnen und ebenso viel Bewohnern Medinas eine Brüderschaft. Zwei so vereinigte Personen verpflichteten sich, für einander in Glück und Unglück einzustehen; es war ein Band, welches ihre Interessen sogar enger verkettete als das der Verwandtschaft, weil sie einander beerbten und darin vor den Blutsverwandten den Vorzug hatten.

Diese Einrichtung war von Nutzen und dauerte nur, bis die neuen Ankömmlinge in Medina festen Fuß gefaßt hatten; sie erstreckte sich lediglich auf die Mekkaner, welche wegen der Verfolgung geflohen waren, und es wird darauf Bezug genommen in dem folgenden Verse der achten Sure des Korans: »Diejenigen, welche glaubten und aus ihrem Lande flohen, und ihr Vermögen und ihre Personen im Kampfe für den Glauben opferten, und die, welche dem Propheten unter sich einen Zufluchtsort gaben und ihm beistanden; diese sollen einander für die Nächsten in der Verwandtschaft halten.«

Auf diese kluge, aber einfache Weise wurden die Grundsteine zu jener Macht gelegt, welche bald erstaunliche Stärke erhalten und die mächtigsten Reiche der Welt erschüttern sollte.

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