Lisa Oettinger
Lisa Oettinger - Zubaidah Ahmad

Aussprache: liyzaa uutiynghar
arabisch:
ليزا أوتينغر
persisch:
englisch:
Lisa Oettinger

18.5.1908 - 2006 n.Chr.

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Lisa Oettinger war der Rufname von Anne Sophie Louise Oettinger. Sie war eine deutsche Malerin, die den Islam annahm.

Lisa Oettinger wurde am 18. Mai 1908 geboren. Sie stammte aus einer ungewöhnlichen Berliner Familie, deren Geschichte über mehrere Generationen zwischen Judentum, Protestantismus, Lebensreform und Islam verlief.

Die Oettingers stammten ursprünglich aus einer preußisch-jüdischen Familie. Ihre Vorfahren lebten unter anderem in Marienwerder, dem heutigen Kwidzyn in Polen. Im Verlauf des 19. Jh. n.Chr. bewegte sich die Familie immer stärker in das assimilierte deutsche Bürgertum hinein. Teile der Familie konvertierten schließlich zum Christentum.

Lisas Vater Friedrich Oettinger, geboren 1873, stammte selbst aus dieser jüdischen Familie. Er ließ sich christlich taufen und trat später offiziell aus der jüdischen Gemeinde aus. Er heiratete 1907 Emilia, Lisas Mutter. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor:  Anne Sophie Louise „Lisa“, 1908 geboren, und Susannah Adelheid „Suse“, 1910 geboren. Lisa wurde zwar in einer christlich sozialisierten Familie groß, hatte aber jüdische familiäre Wurzeln.

Die Familie gehörte zunächst zum wohlhabenden Berliner Bürgertum. Friedrich Oettinger war geschäftlich erfolgreich. Lisa und ihre jüngere Schwester wuchsen in einem Elternhaus auf, das kulturell aufgeschlossen und für die damalige Zeit ausgesprochen experimentierfreudig war. Die Familie interessierte sich für Lebensreform, Natur, Wandern, alternative Ernährung und neue religiöse und philosophische Bewegungen. Sie galten als typische Vertreter eines Milieus, das nach dem Ersten Weltkrieg nach Alternativen zum traditionellen Bürgertum suchte. Die wirtschaftliche Lage verschlechterte sich jedoch dramatisch. Nach einem Bankenzusammenbruch verlor Friedrich Oettinger 1922 sein Unternehmen. Später erkrankte er an einer schweren, offenbar unheilbaren neurologischen oder psychiatrischen Krankheit und verbrachte seine letzten Jahre in einer Klinik. Er starb 1934.

Lisa gehörte zu einer frühen Generation von Frauen, die an der Berliner Kunstakademie studierten. Sie arbeitete anschließend als Malerin und selbstständige Künstlerin. Ihre künstlerische Arbeit wurde später stark von orientalischen beziehungsweise islamischen Formen und Motiven beeinflusst.

Im Jahr 1928 n.Chr. begegnete die Familie Oettinger dem indischen Muslim Sheikh Muhammad Abdullah, der zum Umfeld der damals noch jungen Wilmersdorfer Moschee gehörte. Abdullah war zugleich Physiker und muslimischer Missionar der Ahmadiyya. Ein erhaltenes Foto dokumentiert seine erste Begegnung mit der Familie. Lisa ist darauf als Kunststudentin zu sehen, während ihre Schwester Susanna Abdullah Deutschunterricht erteilte. Aus dieser ersten Bekanntschaft entstand eine sehr enge Beziehung zwischen den Oettingers und der Moscheegemeinschaft.

Die Familie nahm an Ausflügen, Wanderungen und Festen der Moschee teil. 1930 wurde Lisas Mutter Emilia Oettinger sogar Gründungsmitglied der Deutschen Muslimische Gesellschaft e.V., obwohl sie zu diesem Zeitpunkt noch keine Muslima war. Damit bewegte sich Lisa bald in einem außergewöhnlich kosmopolitischen Berliner Milieu: deutsche Künstler und Intellektuelle trafen dort auf indische Studenten, Diplomaten, muslimische Missionare, jüdische Konvertiten und Lebensreformer.

Lisa schloss sich bereits 1929 enger der Wilmersdorfer Moschee an. Der formale Übertritt erfolgte jedoch erst später am 16. September 1933. Ihre Übertrittsurkunde ist heute noch erhalten (siehe Foto). Sie nahm den muslimischen Namen Zubaidah [زبيدة] an (in der Urkunde: Sobaidah).

Die Tatsache, dass die Annahme des Islam aus Überzeugung erfolgte, wird unter anderem in ihrem Nachlass deutlich. Darin befanden sich handschriftliche Gebete, Sufi-Dichtung und religiöse Texte.

In der Berliner Moschee lernte Lisa den indischen Wissenschaftler Azeez Ur-Rahman Mirza kennen. Mirza stammte aus einer angesehenen muslimischen Familie in Lahore. Er war ursprünglich nach Berlin gekommen, um sein naturwissenschaftliches Studium beziehungsweise seine Promotion abzuschließen. Schließlich blieb er mehrere Jahre und arbeitete als Assistenzimam der Wilmersdorfer Moschee. Er galt zugleich ein sehr moderner Vertreter seiner Religion: naturwissenschaftlich ausgebildet, sportlich aktiv und kulturell stark an Deutschland interessiert. Aus Lisas später aufbewahrtem Nachlass sind Geschenke, Bücher, Widmungen und sogar Liebeserklärungen Mirzas erhalten. Mirza schenkte ihr unter anderem eine Ausgabe des Heiligen Quran mit einer persönlichen Widmung sowie Schmuckstücke und andere Erinnerungsobjekte.

Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 wurde ihre Situation zunehmend gefährlich. Obwohl Lisas Vater zum Christentum konvertiert war und Lisa selbst inzwischen Muslima geworden war, galt sie nach der nationalsozialistischen Rassengesetzgebung weiterhin als Person jüdischer Abstammung. Ihre geplante Ehe mit einem indischen Muslim wurde zusätzlich kompliziert. Die Nürnberger Rassengesetze und die nationalsozialistische Verwaltung machten eine Eheschließung in Deutschland praktisch unmöglich oder zumindest außerordentlich schwierig. Mirzas eigene Texte aus jener Zeit zeigen, dass er die NS-Rassenideologie ablehnte. In einer Rede über den Islam wandte er sich gegen Vorstellungen vom „Überleben des Stärksten“ und stellte ihnen das islamische Prinzip gegenüber, auch Schwächere zu schützen.

1937 verließen Lisa und Azeez Deutschland. Sie gingen zunächst nach Sarajevo, wo sie in einer Moschee heirateten. Danach machten sie sich auf eine längere Reise Richtung Indien, mit Lahore als endgültigem Ziel. Lisa nahm bei ihrer Abreise große Teile des Familiengedächtnisses ein: Fotografien, Bücher, Textilien, Spitzen, das alte Rezeptbuch der Familie und Erinnerungsstücke. Nur wenige Wochen nach der Ankunft in Lahore starb Azeez Ur-Rahman Mirza 1937.

Nach Azeez' Tod blieb Lisa zunächst bei dessen muslimischer Großfamilie in Lahore. Die Familie kümmerte sich intensiv um sie. Lisa nahm nach dem Tod ihres Mannes stark ab und war gesundheitlich belastet. Ihre Schwäger versuchten, sie zu unterstützen. Gleichzeitig war das traditionelle Großfamilienleben für sie schwierig. Lisa war als Berliner Künstlerin an ein hohes Maß persönlicher Unabhängigkeit gewöhnt. In der südasiatischen Großfamilie waren die Erwartungen an eine verwitwete Frau dagegen andere. 1938 half ihr die Familie deshalb, in einen eigenen Bungalow zu ziehen. Dort lebte sie relativ selbstständig und unterrichtete an einer nahe gelegenen Islamia High School for Girls. Gleichzeitig richtete sie sich ein eigenes Atelier ein.

Im Juli 1939 heiratete Lisa erneut. Ihr zweiter Ehemann war Nazir Ahmad, ein wohlhabender Hotelbesitzer und Unterstützer der Lahore-Ahmadiyya-Bewegung. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs schnitt Lisa praktisch von ihrer Familie in Deutschland ab. Sie hatte ursprünglich gehofft, Mutter und Schwester nach Indien holen zu können. Dazu kam es nicht.

Während Lisa in Lahore lebte, überstand ihre Familie in Deutschland Krieg und nationalsozialistische Verfolgung. Erst 1947, also nach etwa zehn Jahren Trennung, trafen sie sich wieder. Die lange Trennung hatte ihre Beziehungen verändert. Das Wiedersehen wurde allerdings zu einer Begegnung von Menschen, die einander teilweise fremd geworden waren.

1949 wurde ihr Sohn Suhail Ahmad in Karachi geboren. Lisa entschied schließlich, Pakistan zu verlassen, insbesondere wegen der Ausbildung ihres Sohnes. 1956 ließen sich Lisa und Suhail in Woking in England nieder. Dort befand sich mit der Shah Jahan Mosque ein weiteres wichtiges Zentrum der Lahore-Ahmadiyya in Großbritannien. Dadurch konnte Lisa erneut an ein muslimisches Netzwerk anknüpfen.

Auch andere Mitglieder der Oettinger-Familie waren inzwischen nach Großbritannien gegangen. Nach Krieg und Verfolgung wollten sie nicht dauerhaft nach Deutschland zurückkehren.

Lisa war innerhalb ihrer Familie die erste, die den Islam annahm. Ihre Mutter Emilia und ihre Schwester Susanna folgten erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Von Lisas eigentlichem künstlerischem Werk ist nur ein begrenzter Bestand öffentlich dokumentiert.

Ein außergewöhnlicher Teil ihrer Biografie betrifft ihren Nachlass. Lisa bewahrte über Jahrzehnte hinweg  mehrere große Truhen mit Familiengegenständen auf. Darin befanden sich unter anderem: alte Familienfotos, jüdische Dokumente, christliche Familienerinnerungen, islamische Gebetstexte, Kunstmaterialien, Bücher, Spitzenstoffe, Kochrezepte, Briefe ihres ersten Mannes, sein Gebetsteppich und zahlreiche Fotografien aus Lahore. Diese Sammlung war offenbar bewusst für ihren Sohn gedacht.

2013 reiste die Religionshistorikerin Gerdien Jonker nach London und traf dort Lisas Sohn Suhail Ahmad sowie dessen Cousine Anisah Rani. Die beiden öffneten ihr die aufbewahrten Familientruhen. Das Material erwies sich als außergewöhnlich umfangreich. Jonker kombinierte es mit Moscheearchiven, Berliner Standesamtsakten, Fotografien, Familienpapieren und Erinnerungen der Nachkommen. Daraus entstanden schließlich mehrere Publikationen über Lisa und die Familie Oettinger.

Lisa lebte mit ihrem Sohn in England bis ins hohe Alter. Sie starb 2006, nach Jonkers Angaben friedlich im Schlaf. Damit erreichte sie ein Alter von ungefähr 98 Jahren.

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